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Einsame Nachtigal

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Alexander Freund
Zum Anfang







Sie machte meine Nacht zum Tag,
bis ich sie sah.
Zum Anfang
Seit vier Monaten begleitete
sie mich nun schon.
Nicht jede Nacht natürlich.
Aber regelmäßig.

Sie war kraftvoll und trotzdem sinnlich,
einnehmend. 

Traf irgendwie immer
den richtigen Ton.


Zum Anfang
Wovon sie erzählte,
war letztlich nicht so wichtig.
Aber wie sie es erzählte,
wie sie mir die Dinge erklärte,
war einfach wundervoll.
Nur ganz selten war sie zickig.
Oder langweilig.

Meist hatten wir sehr ähnliche
Gedanken und Sorgen.
Oder lachten über die gleichen Dinge.


Zum Anfang
Stimmen sind für mich
unglaublich wichtig.
Ein Satz genügt und ich
habe mich entschieden.
Jemand kann noch so
freundlich oder hübsch sein,
wenn die Stimme nervt,
war´s das für mich.
Es geht dabei um
den Charakter der Stimme,
nicht ob sie angenehm
oder einfühlsam ist.


Zum Anfang
Ihre Kollegin Sabrina Adams
zum Beispiel hat so eine
Supermarktstimme.

Aber alle finden sie klasse,
man kennt ihre Stimme
von manchen Werbefilmchen
und offenbar arbeitet sie auch
als Synchronsprecherin.


Zum Anfang
Klar, das klang sehr angenehm,
aber mich berührte Sabrina Adams
mit ihrer Stimme nicht.

Angenehme Stimmen nerven.
Sie wollen mich
beim Einkaufen einlullen,
wollen mir was andrehen,
wollen mich verführen.
Zum Anfang
Ganz anders ist das bei ihrer Stimme.

Die war auch angenehm,
aber eben nicht so gefällig.
Wenn sie etwas
auf dem Herzen hatte,
spürte ich das direkt. 
Oder wenn sie sich über
etwas aufgeregt hatte.
Dann überschlug sich ihre Stimme
zuweilen und ließ den sonst so
charmanten Unterton missen.


Zum Anfang
Etwa wenn vergammeltes Fleisch
im Handel aufgetaucht war.
Oder Kinderspielzeug irgendwelche krebserregenden Stoffe enthielt.

Das sei einfach eine Riesensauerei,
auch wenn sie kein Fleisch aß
und auch keine Kinder hatte.
Zum Anfang

Ich hörte ihr unheimlich gerne zu.
Und antwortete ihr,
wenn sie meine Meinung hören oder
meine ganz persönlichen Erlebnisse
wissen wollte.

Ich sprach mit ihr,
auch wenn sie mich nicht hörte.
Warum auch nicht,
sie gab ja auch sehr viel
von ihrem Leben preis.
Zum Anfang

Am schönsten war es,
wenn sie mir Lieder erklärte.
Was sie bedeuteten.
Und für wen sie geschrieben
worden waren.

Welche Lieder Lenny Kravitz,
das damals noch talentierte Nichts,
für Lisa Bonet, den schönen Star,
geschrieben hatte.


Zum Anfang

Wie sie sich gefunden und
dann doch wieder verloren hatten.
Und als Lenny das Lied
von seiner Tochter Zoe sang,
mussten wir beide weinen.

Man konnte ihr Tränen richtig hören,
wenn man ihre Stimme so gut
wie ich kannte.
Zum Anfang
Sie weinte auch,
als sie mir erzählte,
wie Eric Clapton in "Tears in Heaven"
den schrecklichen Tod
seines vierjährigen Sohns Conor
verarbeitet hat.

Man hörte die Tränen in ihrem Atem,
als sie die Luft durch ihre Nase tief
in die Lungenflügel einsaugte
und dann wieder ausstieß.
Zum Anfang

Viel öfter aber haben wir zusammen gelacht.
Einfach laut gelacht.

Über die hohlen Phrasen der Politiker.
Über Beamtendeutsch.
Über dämliche Fußballersprüche.

Wir wollten einfach eine gute Zeit haben.
Musik hören, lachen, den Alltag vergessen.
Zum Anfang



Wenige nahmen sich
wahrscheinlich die Zeit,
ihr so lange zuzuhören.

Aber ich hatte diese Zeit.
Ich saß in einem der Dienstwagen
und fuhr zur immer gleichen Zeit
die immer gleiche Strecke ab.  
Zum Anfang
Ich sah mir die Anwaltskanzleien an,
die Arztpraxen und Villen.

Ich rüttelte an den Türen, beobachtete,
ob nicht irgendwo ein Fenster offen stand,
leuchtete manchmal
mit der Taschenlampe rein.


Zum Anfang
Prüfte die Bewegungsmelder,
machte im seitlich angebrachten Schlüsselkästchen eine Vierteldrehung
und notierte den genauen Zeitpunkt
meines Rundganges.
Zum Anfang
Viereinhalb Monate arbeitete
ich nun schon beim Objektschutz.
Nicht die anspruchsvollste Aufgabe,
zugegeben, aber ich fand sie eigentlich
nie langweilig.

Außerdem brauchte man keinerlei Qualifikation,
man ging so gut wie kein Risiko ein
- was ja keiner wissen musste -,
und wurde vergleichsweise anständig bezahlt.


Zum Anfang
Einfach nur zur rechten Zeit
interessiert schauen,
den Schlüssel umdrehen,
ins Kontrollbuch eintragen,
und weiter.

Ich genoss den Rhythmus der Routine,
das einsame Leben bei Nacht.
Wenn sich die Straßen leerten
und die Hektik des Tages
einer schläfrigen Ruhe wich.


Zum Anfang
Mir allein gehörten dann die Straßen.
Dies war meine Zeit.

Ein paar Taxen. Ein paar aufgemotzte Golfs
oder BMWs auf dem Rückweg vom Kino,
aber sonst gähnende Leere.
Überraschend früh kam
meine Universitätsstadt zur Ruhe.
Zum Anfang
Aus den schmucken Gründerzeithäusern
fiel bürgerliche Wärme
auf die herbstlichen Straßen,
Laub sammelte sich zwischen den
Limousinen und Kombis. 
Zum Anfang
In den wenigen Eckkneipen
sammelten sich die höheren Semester,
die sich um die Welt sorgten.
Oder um einen Beruf.

Die es sich leisten konnten, denken zu lernen.
Abseitiges, vordergründig Nutzloses,
irgendwie aber Entscheidendes.
Zum Anfang
Weit entfernt von dieser Welt
feierte der noch verschulte Nachwuchs
bei den Juristen.

Haarspangen, Rollkrägen, Baseballmützen.


Zum Anfang
Daneben die Gastgeber,
bereits mit akkuratem Scheitel,
Streifenhemd und Barbourjacke
nebst ihren Perlhühnern mit Cardigans.

Die Juristen-Partys waren
neben dem Medizinerball
noch immer die Kontaktbörse schlechthin.

Für Akademiker und Singles mit Niveau.
Zum Anfang
Dies war nicht meine Welt, nicht mehr.

Ich trug jetzt eine Uniform.
Blaue Hose, blaues Jacket, weißes Hemd.

Keine Topgun-Uniform,
mit der man Eindruck schinden konnte.
Aber man wurde ernstgenommen,
und nur das zählt im Sicherheitsgewerbe.
Zum Anfang
Meine Eltern erzählten
ihren Freunden und Nachbarn,
ich hätte mir eine kreative Auszeit genommen.

Dabei ging mir mein Physik-Studium einfach nur auf den Zeiger.
Die Prüfungen hatte ich allesamt bestanden, sehr gut sogar.

Aber ich sah nicht mehr so recht
den Sinn im Ganzen.  

Zum Anfang

In der Nacht war das alles egal.
Hier fragte niemand.
Keiner wollte irgendetwas von mir wissen.

Und ich konnte in Ruhe meine Runden drehen. Die Zentrale meldete sich nur zu den vereinbarten Zeiten.

Privatgespräche waren verboten.
Zum Anfang


Bevor der neue Alltagstrubel begann,
bevor die Lastwagen die Geschäfte belieferten, die Pendler zur Bahn strömten,
die Radfahrer kreuz und quer durch
die Stadt schwirrten und die schwerbepackten Schulkinder zum Unterricht wankten,
war ich schon auf dem Heimweg. 
Zum Anfang
Ich schlief den ganzen Vormittag,
frühstückte gegen fünfzehn Uhr,
duschte ausgiebig,
machte meine Einkäufe,
sah fern oder surfte.

Machte mich erst dann auf den Weg,
wenn die Rechtschaffenen
bereits von der Arbeit kamen.
Zum Anfang

Die ersten Stunden vergingen
immer recht zäh
– bis ich ihre Stimme hörte.

Sie hatte den gleichen Rhythmus wie ich.

Die Nacht gehörte uns.
Zum Anfang
Irgendwann wollte sie von mir wissen,
was ich gerade mache.

Das kam etwas überraschend für mich.

Es war eine dieser Nächte,
wo man für das Kontrollbuch dankbar ist,
weil die Bewegungsabläufe so ritualisiert sind,
dass man schon gar nicht mehr weiß,
ob man die Vierteldrehung bereits
gemacht hat oder nicht.
Zum Anfang
Natürlich durfte ich sie nicht anrufen,
Privatgespräche jeder Art waren
nun einmal untersagt.

Aber irgendwie lachte sie so süß,
dass ich sie einfach anrufen musste.

Eine Pinkelpause alle vier Stunden war ja erlaubt.  
Zum Anfang
Sicherheitshalber gab ich mich als Busfahrer aus,
und wurde tatsächlich in die Sendung gestellt.

Ich war ganz ruhig und hörte mir
ein Lied von Atomic Kitten an.

Aber als das Lied langsam ausklang
und sie mich direkt ansprach,
bekam ich kaum einen Satz heraus.
Zum Anfang
Ob es denn nicht gefährlich sei,
wenn ein Busfahrer anruft.
Der müsse doch schließlich
auf die Straße achten.

Aber ich stammelte nur,
dass ich gerade Pause mache
und ihre Sendung höre.
Zum Anfang
Ja, sagte sie, das sei schon klar,
denn sonst hätte ich ja wohl nicht angerufen!

Sie lachte, aber ich fand das nicht witzig,
dass sie sich über mich amüsierte.
Ich meine, warum gerade über mich?
 
-Vielleicht bin ich ja gar kein Busfahrer,
raunzte ich sie an.
-Vielleicht, zischte sie zurück und hängte ein.
Zum Anfang
Die nächsten Tage wollte ich nichts von ihr wissen.

Ich hörte CDs aus meiner Studentenzeit,
las einen Reisebericht von Alexander von Humboldt
und beobachtete ein Pärchen,
das unendlich lang
in einem Hauseingang knutschte.
Zum Anfang
Aber zwei oder drei Nächte später
hatte ich die Schmach überwunden, schließlich war mein Auftritt in der Sendung
wirklich nicht sehr geistreich.


Zum Anfang
Irgendwann hatte sie mal gesagt,
dass man einfach nicht überzeugen könne,
wenn man sich verstellt.

Das gehe eine Zeit lang gut,
aber letztlich sei nicht nur der Andere,
sondern auch man selbst enttäuscht.
Zum Anfang
Ich weiß auch nicht,
warum ich so lange gebraucht habe,
bis ich auf die Idee kam,
mir ihren Steckbrief im Internet anzusehen.

Noch vor dem Frühstück setzte ich mich an den
Rechner. Die Seite baute sich rasend schnell auf und
schon nach wenigen Klicks kam ich zum Team,
das ich zumindest dem Namen nach
komplett kannte.
Zum Anfang
-Dacht´ ich´s mir doch, sagte ich zu mir selbst,
als mich ihr freches Gesicht anlachte.
Ein brauner Pagenschnitt,
eine kleine Nase,
dunkle Augen.

Ich war ganz aufgeregt und las ihre Biographie.


Zum Anfang
In Dülmen geboren,
Anglistik-Studium,
verschiedene Radio-Sender,
sammelt Schallplatten,
vor allem aus den 70ern (solange es die noch gibt)
und mag italienische Küche.
Zum Anfang
Sweet, Bay City Rollers, Gary Glitter
– ich war sehr froh,
dass ich die alten Schätze
gleich im Keller
in einem Umzugskarton fand,
unter dem Trivial Persuit.
Zum Anfang
Ich machte mir nichts mehr
aus diesen Platten,
schließlich hatte ich seit Jahren schon
keinen Plattenspieler mehr und verband
mit diesen Liedern auch keine tollen Drogenrausch-Erinnerungen oder
ausschweifenden Sexparties.


Zum Anfang
Also schrieb ich ihr eine Mail
und bot sie ihr als Geschenk an.

Unterschrieben habe ich mit "Der falsche Busfahrer".

Insgeheim erwartete ich
eine Standartantwort vom Sender:
Vielen Dank, bla bla, leider
... aber schön, dass Sie ...

Zum Anfang
Um so überraschter war ich,
dass sie mir nach vier Tagen
tatsächlich selber antwortete.

Sie wisse zwar nicht,
was "Der falsche Busfahrer"
zu bedeuten habe, aber sie
bedanke sich für die lieben Zeilen
und hoffe, dass ich ihr weiter zuhöre.

Die Platten erwähnte sie
mit keinem Wort.

Zum Anfang
Also antwortete ich ihr,
dass so viel Bescheidenheit
gar nicht zu ihr passe
und dass sie die Platten
ruhig annehmen könne.

Sie solle mir nur sagen,
wohin ich sie schicken soll,
damit sie auch ja bei ihr ankämen.
Zum Anfang

Ich erklärte ihr,
warum ich auf dem Sender nicht
von meinem Job erzählen konnte
und dass ich mir ganz plötzlich
schrecklich dämlich
vorgekommen war,
als sie mich angesprochen hatte,
und so weiter.
Zum Anfang
Zwei Tage später antwortete sie,
dass sie sich immer wundere,
wer nachts außer ihr
noch alles arbeiten müsse.

Krankenschwestern, Polizisten,
Postsortierer natürlich,
aber an die Jungs vom Objektschutz
habe sie noch nie gedacht.

Das klang irgendwie anerkennend,
fand ich.
Zum Anfang
Sie schrieb, dass sie sich sehr
auf die Schallplatten freue und dass
wir uns doch einfach mal im Bistro
unten im Sender treffen könnten.

Nach einer ihrer Sendungen zum Beispiel.
Auf einen Kaffee.

Ich hätte dann ja sicherlich auch
irgendwann frei und wir könnten
zusammen frühstücken.
Zum Anfang
Mir stockte der Atem,
als ich ihre Mail las.
Unfassbar, sie wollte mich treffen! 

Ich war mindestens so aufgeregt wie
an meinem Tanzkursabschlussball.
Viele hatten vermutlich den Wunsch,
eine Radiostimme einmal
persönlich kennen zu lernen,
aber nur wenige besaßen noch
Platten von Gary Glitter.
Dem Kinderschänder.
Zum Anfang
Was sollte ich nur anziehen,
was für einen Typ Mann
bevorzugte sie wohl?

Eher den sportlichen Lederjackentyp.

Oder doch lieber
ein schwarzes Jackett.
Natürlich ohne Krawatte,
aber irgendwie klassisch.
Zum Anfang
Die ganze Nacht über hatte ich
ihr zugehört und hätte beinahe
bei der großen Anwaltskanzlei
am Stadtwald meine Vierteldrehung
zu spät gemacht,
nur weil ich nichts verpassen wollte.
Zum Anfang
Insgeheim hatte ich auf einen Hinweis,
auf eine versteckte Botschaft gehofft,
weil wir uns doch am Morgen
treffen wollten.

Aber wenn sie ihn gemacht hatte,
dann habe ich ihn nicht verstanden.
Oder habe gerade an irgendeinem
Tor gerüttelt.
Zum Anfang
Ich entschied mich für die Lederjacke,
dazu ein dunkelgrüner Pullover.
Das würde sicherlich souverän wirken.

Mit feuchten Händen und einem Klos
im Hals betrat ich das Bistro,
ließ mich im hinteren Teil mit
den gemütlicheren Holzstühlen nieder.
Zum Anfang
Eine gute halbe Stunde
und zwei Milchkaffee später
hatte ich mich bereits in ein
Stadtmagazin versenkt,
als ich plötzlich die mir
so vertraute Stimme hörte.

Doch als ich mich umdrehte,
konnte ich die Stimme zunächst
niemandem zuordnen.
Zum Anfang
Die Frau,
die mit fragendem Blick
auf mich zukam,
hatte mit ihrem Internetauftritt
nicht wirklich viel zu tun.

Ihre Haare waren rötlich gefärbt,
in etwa so, wie ihre Augen
in dem blassen Gesicht.

Dazu trug sie einen
viel zu grellen Lippenstift. 
Zum Anfang
Vor allem aber war sie
unerwartet mollig und
erst jetzt fiel mir auf,
dass sie auf den Fotos
nie ganz abgebildet war.

Stimme braucht Volumen,
dachte ich.
Zum Anfang
-Sind sie der falsche Busfahrer?

-In der Tat, lachte ich,
der bin ich. Oder auch nicht.
Hallo!

-Es tut mir sehr leid,
dass ich Sie habe warten lassen.
Wir hatten noch eine Redaktionskonferenz,
von der ich einfach ...
Zum Anfang
-Ist schon gut,
sagte ich großmütig.

-Dafür weiß ich jetzt endlich wieder,
was hier tagsüber so alles
in der Stadt los ist. 

Verständnishalber wedelte ich
mit dem Veranstaltungskalender
des Magazins.
Zum Anfang
Sie lächelte und setzte sich
mir gegenüber hin.
Sie wirkte aufgekratzt,
fuhr sich mit dem Daumen
über die Fingernägel.

Ungefragt brachte ihr
die Bedienung einen Tee.
-Sie kommen oft hierher?
-Ich lebe hier, sagte sie lachend
und durchwühlte dabei
ihre Handtasche.
Zum Anfang


-Entweder gehe ich nach der Sendung
gleich hier hin.
Oder wenn ich richtig Hunger habe,
dann gehe ich auf den Großmarkt.
Da kann man schon morgens
um halb sechs einen
köstlichen Hummer vertilgen.
Und dort gibt es die frischsten
Avocados der ganzen Stadt.
Zum Anfang
Ich nickte interessiert.

Endlich hatte sie ihre Zigaretten
gefunden, bot mir eine an,
die ich dankend ablehnte,
steckte sich eine an und
zog den Qualm
tief in sich hinein.

Ihre Haut wirkte ungesund.
Auf ihren Schneidezähnen hatten sich
kleine Nikotinflecken abgelagert.
Zum Anfang
Ob ich beim Objektschutz
auch schon mal spannende
Dinge erlebe, wollte sie wissen,
Einbrüche oder so was.

Doch ich musste passen.
Nichts dergleichen.
Einfach nur zur rechten Zeit
interessiert schauen,
den Schlüssel umdrehen,
ins Kontrollbuch eintragen,
und weiter.
Zum Anfang
Sie nickte wissend und erzählte mir
eine lustige Geschichte,
die sie erst ein paar Tage zuvor
im Radio erzählt hatte.

Ich lächelte höflich und
gab ihr die Tüte mit den Platten.

Sie war völlig begeistert und sang,
wild mit dem Kopf nickend,
den Anfang von einigen Titeln.
Zum Anfang
-Stört es Dich denn,
dass Du immer nachts arbeiten musst?
Wieso duzte sie mich auf einmal,
fragte ich mich. 

-Nein, nicht sonderlich.
Eigentlich liebe ich diese Zeit,
wenn alle schlafen, antwortete ich.
-Ja! Alle schlafen und wissen gar nicht,
was sie verpassen. Außer uns!

Wir lachten.
Zum Anfang
-Ja, ich liebe es auch,
nachts zu arbeiten.
Und weißt Du was? 
Mittlerweile lebe ich auch nachts,
wenn ich mal nicht arbeite,
erzählte sie und musterte mich
dabei wohlwollend.

-Mit der Zeit weiß man,
welche Läden die ganze Nacht
über auf haben.
Und wen man wo treffen kann.
Zum Anfang


Ich nickte der Bedienung zu,
die mir noch einen dritten
Milchkaffee bringen wollte.

Obwohl meine Hände
schon leicht zitterten. 
Zum Anfang
Am Tresen unterhielten sich
zwei Anzugträger,
gestikulierten und beugten sich
affektiert nach vorne,
um sich nicht mit dem
Panini vollzukrümeln.

Zwei Tische weiter tauchte ein
alter Mann sein Rosinenbrötchen
in den Kaffee.
Die Espressomaschine röhrte und
langsam füllte sich die Straße. 
Zum Anfang
Aufmerksam musterte sie
meine Platten-Sammlung.

-Oft enden meine Nächte
auf dem Großmarkt.
Zwischen frischem
Hummer und Avocados.
Warst Du mal da?

Sie schien nicht wirklich
auf eine Antwort zu warten.
Zum Anfang
-Man darf es ja eigentlich
keinem erzählen,
aber inzwischen behalte ich
diesen Rhythmus sogar bei,
wenn ich in Urlaub fahre. 
Zum Anfang
Ich wähle die Flüge so,
dass ich irgendwo abends
oder nachts ankomme.
Auf den Kanaren oder so.
Dann kann ich gleich losziehen!
Kannst Du Dir das vorstellen? 

Sie sah mich fragend an,
aber mir fiel keine
passende Antwort ein.
Zum Anfang
-Weißt Du, ich mach´ mir
ehrlich gesagt nicht viel
aus Sonne und Strand.

Ich meine, ich finde das
auch total schön.
Aber ich habe wirklich
keine Lust,
den ganzen Tag
am Strand rumzuliegen.


Zum Anfang
Allmählich spürte ich
eine große Müdigkeit
in mir aufsteigen.

Gewöhnlich war ich
um diese Zeit
schon zuhause im Bett.
Zum Anfang
-Ich feiere lieber und schlafe tagsüber.
Manchmal auch am Strand.
Ich such´ mir dann
einen Schattenplatz
und schlafe wie ein Stein.
Und dabei wird man
sogar schön braun.

Sie blies erneut
eine große Wolke
in die Luft.
Zum Anfang
-Aber mein Tag beginnt
eigentlich erst mit einem
romantischen Sonnenuntergang,
weißt Du?

Da ich nur verwundert aus
meinen müden Augen blickte,
erzählte sie weiter.
Zum Anfang
-Früher hatte ich immer
Schwierigkeiten mit der Zeitumstellung.
Deshalb lieber die Kanaren.

Weißt Du, Ibiza ist der totale Hammer
für uns Nachtmenschen!

Die ganze Insel ist Party,
Sex, geilste Drogen.
Zum Anfang

-Und wenn man die Nächte durchfeiert,
gib es auch keinen Morgen danach,
an dem man sich irgendwelche
Vorwürfe machen muss.

Man geht einfach ins Bett,
bevor jemand unangenehme
Fragen stellt.
Wenn Die verstehst,
was ich meine. 
Zum Anfang
Sie erzählte mir von einer
Reise nach Thailand,
wo es nachts aber
schrecklich still wurde.

Und sie tagsüber immer von
den quirligen Zimmermädchen
gestört wurde.


Zum Anfang
Sie mache den Radio-Job
jetzt schon seit acht Jahren.

Natürlich kriege man einen
fetten Zuschlag
für die Nachtschicht.


Zum Anfang
Außerdem müsse man sich nicht
mit den nervigen Kollegen rumstreiten.
Die aber eigentlich alle total nett sind.
Meistens jedenfalls.

Viele wollten nachts aber lieber
im trauten Heim sein.
Bei Gattin, Kindern und Hund.
Zum Anfang
Ja, wäre nicht schlecht,
mal wieder auf die Kanaren zu fliegen.
Einfach mal chillen,
quatschen und feiern.

Sie wusste gleich,
dass wir uns verstehen.  
Sie fuhr sich mit dem
Mittelfinger über die Lippen.

Ich versuchte
freundlich zu nicken.


Zum Anfang
An ihrem Teeglas
zeichnete sich ihr Lippenstift ab.

-Wer jedoch einmal Gefallen
an dem Nachtleben gefunden hat,
der vermisst nichts,
meinte sie und
nickte sich selber zu.

Sie drückte ihre Zigarette aus und
sah mir tief in die Augen.
Zum Anfang
Zum Anfang



Zwei Tage später erhielt ich die
Zusage für ein Stipendium.
Zum Anfang


Ich hängte meine Uniform
an den Nagel,
hörte wieder CDs und
begann meine Promotion.

Über die Dynamik in weicher Materie -
Phononen in mesoskopischen Strukturen.
Zum Anfang
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