Lange Schatten
Alexander Freund
das nervöse Augenzucken,
die liegengebliebene Arbeit,
die ungegossenen Pflanzen auf seinem Balkon.
Aber irgendwie wirkte er wie immer –
kultiviert und distanziert.
Dabei trug er zu diesem Zeitpunkt
seinen Plan schon Tage lang mit sich herum.
Junichiro Nagai,
Mitte vierzig,
war von Beruf Japaner.
Seit acht Jahren übersetzte,
kommunizierte, repräsentierte und arrangierte
er für diese südkoreanische Firma.
mit einer beeindruckenden Souveränität,
die für jedweden Geschäftskontakt
zum Reich der aufgehenden Sonne
unabdingbar war.
Japaner mag man einfach nicht in Korea.
Dafür haben die während ihrer Besatzungszeit
zu viel verbrochen.
Nur wir mochten ihn.
Weil uns Ausländer auch keiner mochte.
Acht Ausländer, die man notgedrungen duldet,
weil sie der Firma nützen
- das verbindet einfach.
in einem Wohnblock im Süden von Seoul,
der unserer Firma gehörte.
Morgens gingen wir alle
zu unterschiedlichen Zeiten los,
um dann doch im selben Bus zu landen.
und begegneten uns wenig später
meist doch in der Kantine.
Abends kochte jeder für sich,
um sich schließlich dann doch
mit den anderen auf ein Bier zu treffen.
war er der einzige,
der ein eigenes Auto hatte,
einen alten Hyundai.
"Very good car."
in sein japanisches Schneckenhaus zurück.
Genoss die Dämmerung
auf seinem kleinen Balkon,
hörte diese traditionelle Musik und
trank Tee.
ließ sich die Abendsonne aufs Gesicht scheinen
oder machte seltsame Lockerungsübungen.
eher Abstellraum, zumal er zum schmucklosen Parkplatz hin lag.
Aber für Junichiro Nagai waren diese
paar Quadratmeter sein Refugium,
in dem er nicht gestört werden wollte.
Wir respektierten dies,
denn er hatte es als Japaner
ungleich schwerer in diesem Land.
Wenn wir ihn abends mal aus Höflichkeit
zu einem geselligen Umtrunk dazurufen wollten, öffnete er freundlich die Tür, zumindest einen Spalt weit,
hörte sich die Einladung nickend an
und entschuldigte sich.
"Next time maybe. But anyway, thank you. "
in die ruppige südkoreanische Gesellschaft,
hatte tagtäglich die Anfeindungen
über sich ergehen lassen,
hatte eine Schuld verantwortet,
obwohl er sich nichts
hatte zuschulden kommen lassen.
lastete schwer auf den Schultern
des unscheinbaren Mannes.
Stets nickte er verständnisvoll,
legte die Hände ineinander und
entschuldigte sich für die
Verbrechen seines Heimatlandes.
"I am sorry. Deeply sorry."
ihn eines Tages sichtlich erregt aus dem Büro
des Firmenchefs kommen zu sehen.
Grußlos ging er an allen vorbei,
den Kopf hochrot,
die Lippen fest aufeinander gepresst.
Er knallte die Flurtür zu und fehlte am nächsten Tag.
Zum ersten Mal überhaupt.
füreinander zuständig fühlten,
schellten wir abends mehrfach bei ihm.
Natürlich war er zuhause:
Das Licht brannte,
Musik war zu hören.
Doch er öffnete nicht.
Antwortete auch nicht.
Also ließen wir ihn in Ruhe.
saß er morgens wieder im Bus.
Doch jede Art der Nachfrage
wies er mit einem freundlichen Lächeln zurück.
"I am sorry. But thank you!"
Wir sahen uns im Büro,
tranken abends ohne ihn unser Bier
und sprachen über den Neubau auf der gegenüberliegenden Straßenseite,
der rasend schnell an Höhe gewann.
Noch so eine Investition unserer Firma,
der mittlerweile fast das ganze Viertel gehörte.
Gegend gezogen, doch wir waren vertraglich dazu verpflichtet, während der Zeit der Beschäftigung in dieser Siedlung zu wohnen.
Was uns nicht wirklich störte, weil die meisten von uns ohnehin nicht allzu viel Zeit in der Wohnung verbrachten.
um ein bis zwei Stockwerke aufgestockt.
Palli Palli. Hauptsache schnell schnell.
Und jeden Abend registrierten wir ernüchtert, wie das letzte Stück Himmel
nach und nach verschwand.
die Fenster einsetzten,
pinselte oben bereits ein kühner Maler,
am langen Seil schwebend,
das Firmenlogo auf die Außenwand.
Nach knapp einem Monat schloss sich auch
die letzte Lücke in der gegenüberliegenden Häuserfront.
war die ganze Firma in heller Aufregung.
Rasend schnell hatte sich die Nachricht
von der mutmaßlichen Entführung
unseres Firmenchefs verbreitet.
eine Gruppe Reporter den Haupteingang.
Alles rätselte über mögliche Forderungen
der Entführer.
und allmählich
verstummten die Spekulationen.
wieder ab und mit der Zeit dachte kaum noch jemand an den verschwundenen Chef.
An diesen selbstgefälligen Tyrannen.
nach wie vor eine gedämpfte Stimmung
zu herrschen und jedes Lächeln wurde
mit verächtlichen Blicken abgestraft.
wurde hinter vorgehaltener Hand,
aber erstmals auf Abteilungsleiterebene
über einen möglichen Nachfolger nachgedacht.
Nur für den Fall.
stellte sich Junichiro Nagai der Polizei.
Wenig später befreite ein Sondereinsatzkommando der südkoreanischen Polizei Kim Mong-Koo aus einem etwa achtzig Zentimeter tiefen und sechzig Zentimeter breiten Erdloch
im Osten von Seoul.
Wohlbehalten, aber erschöpft.
bei völliger Dunkelheit
von Kimchi, Wasser und Reiscrackern ernährt.
Wir waren erschüttert und suchten
vergeblich nach einer Erklärung.
waren da viel schneller:
Ein japanischer Eigenbrödler sei das gewesen, dieser Nagai, ein arroganter Typ,
einer, dem man nicht recht trauen konnte.
Ein Fremder.
Ein Ausländer.
Ein verschlagener Japaner eben.
antijapanische Stimmung im Lande weiter an.
Es kam sogar zu Studentenprotesten, angeblich spontan.
Die japanische Botschaft wurde wiederholt
mit Eiern und Farbbeuteln beschmissen.
an das Schicksal
der koreanischen Zwangsprostituierten.
in Sprechchören den koreanischen
Anspruch auf die beiden Felsen,
die bei 37° 9 nördlicher Breite und
131° 55 östlicher Länge
aus dem Meer ragen und die
Korea Tokdo und
Japan Takeshima nennt.
erzählte in einer Talkshow
vom Partisanenkampf seiner Familie
gegen die japanischen Besatzer.
stumm über sich ergehen.
Er legte auch keine Berufung
gegen seine langjährige Haftstrafe ein.
Nur einmal,
auf dem Spießrutenlauf zur Haftanstalt von Inchon,
nahm er kurz Stellung.
"I am sorry. Deeply sorry.
But he took my sun."
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