Reisen im Kopf
Alexander Freund
Vierzehn Sprachen kannte ihr Vater.
Aber mich hat er nicht verstanden.
ging sie aus dem Zimmer.
Auf den Balkon.
Oder ins Bad.
Sprach ganz leise.
Und vor allem hörte sie zu.
Nur mit dem Vater konnte sie lachen. Zumindest am Telefon.
Aber mit der Mutter sprach sie
über alle wichtigen Dinge.
Täglich.
Auch über mich.
Auch wenn ich in ihrem Leben
vermutlich nicht wirklich wichtig war.
mehr oder weniger.
Mit den Monaten wuchs ihre Unruhe,
ihr Pflichtgefühl.
Ich ahnte zwar, dass sie etwas belastet,
versuchte dies aber zu ignorieren.
Sie schwieg, entzog sich mir,
was mich nicht wirklich störte.
verwöhnte mich,
vereinnahmte mich,
liebte mich.
Doch die Unruhe blieb.
Es sei einfach an der Zeit,
sagte das Einzelkind irgendwann,
ihre Eltern kennen zu lernen.
denn natürlich hatte sie Recht.
Und wir beide wussten,
was dies bedeutete.
Es war nicht mehr die Zeit,
in der man Eltern zufällig kennen lernte,
bei einem Grillfest, einem Geburtstag,
wenn man jemanden zur Party abholt.
Unangenehm, aber ungezwungen.
holte sie mich zuhause ab,
musterte mich ungewollt
und steuerte ihren Fiesta
Richtung Heimat.
Endlos zog sich die Fahrt durch
die abweisende Provinz.
Der Wagen stotterte etwas,
zog an den Hügeln nicht richtig.
Nach zwei, höchstens drei Liedern
wechselte sie wieder die CD.
schaltete sie den CD-Player
ganz aus und tippte nervös
auf das Lenkrad.
Eine bedrückend idyllische Landschaft.
Am Stadtrand der kollektive Traum vom Eigenheim.
dann links ab zu den Besserverdienenden.
Ziel erreicht.
Ein schrilles Schellen.
Die Dame des Hauses küsste die Tochter
und begrüßte den Eindringling.
Musterte ihn und rannte hektisch
in die Küche.
-Papa ist oben!
warteten.
Die Mutter war auf den Besuch vorbereitet,
hatte sogar die Rollläden
ein stückweit hochgezogen,
den Fernseher leiser gestellt,
ein Paket Plätzchen geöffnet.
sagte sie, ein Tablett mit Mineralwasser
und drei Gläser balancierend.
-Ja, wurde wohl mal Zeit.
-Sie ...
Die Tochter blickte
verlegen nach unten.
-Wir gehen gleich mal hoch,
sagte die Tochter und nickte mir zu.
Hinter ihr standen Kinderfotos.
Beim Reiten.
Ein Portrait.
Mit den Eltern.
sagte die Tochter.
-Wir sind durch die Oberstadt gekommen.
-Ach.
Die Mutter musste sich konzentrieren,
kniff die Augen.
Ihre Haut war grau,
ihr trüber Blick unruhig.
offenbar noch nicht viel getrunken,
aber die hochprozentigen
Ausdünstungen konnte auch das süßliche Parfum nicht übertünchen.
Im Fernsehen lief eine Gerichtssendung.
soweit ich dies im Halbdunkel
erkennen konnte.
Tiffany-Lampen,
geschliffene Steine,
Miniaturen aus Bronze.
-Wir haben ja schon viel
von Ihnen gehört!
Ich hoffe auch Gutes, scherzte ich,
doch an ihrem Blick erkannte ich gleich,
wie sehr sie darauf wartete,
dass ich wieder aus ihrem
Leben verschwand.
hörte ich, sagte die Mutter,
während sie sich eine Zigarette ansteckte.
-Sie rauchen ja nicht, oder?
-Nein danke, pflichtete ich bei,
obwohl wir alle rauchten und alle
dies auch wussten.
-Meine Tochter ja auch nicht. Ja...
für Afrika. Und deshalb haben wir uns wohl
auch im Afrikanistik-Studium kennengelernt.
Ich grinste frech, doch die Tochter
sah mich vorwurfsvoll an.
-Natürlich, wie konnte ich das vergessen,
heuchelte die Mutter.
Afrika- ... nische Sprachen.
Und er sammelt diese Figuren.
-Ach wirklich?!
-Ja, und Masken. Aus aller Welt.
Nicht wahr?! Figuren und Masken.
Nur leider....
-Ja Mama.
Mein Vater verreist nicht.
Aber er lernt gerne Sprachen,
belehrte mich das Einzelkind.
über Nostradamus kommen,
hieß es in der Ankündigung
zwischen den Serien und der Werbung.
Wir nuckelten an unserem Wasser
und tauschten noch eine Weile
Belanglosigkeiten aus.
in der Physiognomie,
der Mimik,
im Verhaltensmuster
zwischen Mutter und Tochter.
Und war entsetzt,
als ich sie fand.
nach oben zu gehen,
sagte die Tochter und stand auf,
offenbar weil sie merkte,
dass ich nicht richtig zugehört hatte.
Die Mutter entschuldigte sich,
sie wollte lieber unten bleiben,
um aufzuräumen.
Wir gingen die wuchtige Holztreppe
nach oben.
-¡Qué alegria!
-Papa?!
-Не снимайте туфли!
Wir sahen uns fragend an.
Sie lächelte sehr bezaubernd.
-Nur hereinspaziert!
Da seid ihr ja!
ein Arbeitszimmer mit
vollgestopften Regalen,
Buch an Buch.
Dazwischen Holzstatuen und Figuren,
vermutlich aus Afrika oder Asien.
An der freien Stirnwand
rund um die Tür hingen
Masken und schaurige Fratzen.
riesigen Schreibtisch,
auf dem sich Bücher
und Papierstapel türmten.
Zwei sehr wache Augen
funkelten in seinem
blassen Gesicht.
streckte den Rücken durch,
musterte mich, kam auf uns zu und
schüttelte mir schweigend die Hand
-Sie sind das also.
Nehmen Sie doch Platz!
-Danke.
-Schön, dass wir uns endlich kennenlernen.
Tja, meine Tochter hat mir einiges
von Ihnen erzählt.
von Ihnen erzählt.
-Tatsächlich, antwortete er
sichtlich erstaunt.
-Ja, dass Sie hier Richter sind.
Dass Sie Masken und Statuen sammeln.
Und dass Sie gerne Sprachen lernen.
-Ja, eine Leidenschaft von mir,
wiegelte der Richter ab.
Und welche Sprachen sprechen Sie?
-Eine Sprache zu sprechen ist immer ...
Also natürlich Englisch, Französisch,
Spanisch. Portugiesisch, nicht sehr gut allerdings.
Italienisch, dann Russisch, Polnisch, ...
Latein natürlich, Griechisch, also Altgriechisch
kann ich noch ganz passabel aus der Schulzeit.
sagte ich und meinte es auch.
Seine Tochter strahlte ihren Vater
überglücklich an.
Wie schön sie sein konnte,
wenn sie lächelte.
-Außerdem habe ich mich an
Arabisch herangewagt. Und Japanisch.
Aber das ... Niederländisch habe ich
glaube ich noch vergessen.
wegen meiner Tochter.
Ach so, Sie ja auch!
Also ... aber im Vergleich zu Ihnen ...
-Aber ich bitte Sie, kein Vergleich.
Meine Kisuaheli-Kenntnisse sind ...
wirklich bescheiden.
Ich schämte mich fast für meine Faulheit
und mangelnde Begabung.
dozierte der Richter.
-Verzeihung?
Er sah mich fragend an.
-Ein Gockel vom Land
kräht nicht in der Stadt
- ein geläufiges Sprichwort
auf Kisuaheli, dachte ich?
Offenbar ist das nicht ...
bei mir angekommen.
Ich sah seine Tochter an,
die aber auch nur verwundert
die Schultern hochzog.
-Oh.
halb triumphierend in seinem schweren
Bürostuhl zurück.
Bevor eine peinliche Pause entstand,
erzählte seine Tochter von einer für das Frühjahr
geplanten Exkursion nach Sansibar,
an der ich auch teilnehmen wollte.
Doch davon erzählte sie nichts.
wurde dabei aber immer unruhiger
und malträtierte das Nagelbett
seines rechten Daumens.
-Ich war vor zwei Jahren mal
für drei Monate in einer Sprachschule
auf Sansibar, ergänzte ich.
Wir sahen den Richter erstaunt an.
-Stimmt genau! Unten, gleich neben
dem alten englischen Club,
den Sie ja vielleicht kennen?
-Ich hörte davon. Aber die Sprachschule in
Daressalam genießt einen wesentlich
besseren Ruf.
wer will denn länger als nötig in
Daressalam bleiben...
Aber auf Sansibar, da könnte ich gut
noch mal ein Weilchen arbeiten.
Ist wirklich ein schöner Fleck Erde.
Ich sah seine Tochter an und sie hatte
ein erwartungsvolles Strahlen in den
Augen.
positiver als auf dem Festland.
Dort sind alle so frustriert.
Verstehen Sie das?!
Ich weiß ja nicht, wie Sie darüber ...
Sofern man von einer neuen Elite sprechen kann.
Ich meine, als Tansania in die Unabhängigkeit entlassen wurde, da hatten gerade mal ein paar Duzend Einwohner studiert.
Man darf natürlich auch nicht den
Einfluss der ostdeutschen...
Wahnsinn!!
Wann waren Sie denn zuletzt ...
Der Richter sah mich ungläubig an
und mir war es unangenehm,
dass ich ihn unterbrochen hatte.
-Noch nie.
Er starrte auf seinen Schreibtisch.
Mein Blick zur Tochter ging ins Leere.
-Ach so! Sie... unglaublich.
Ich meine, Sie kennen all die Sprachen ...
-Ich sagte ja: Eine Art Leidenschaft.
Er sah mich unwirsch an.
-Ja aber, warum reisen Sie nicht gerne?
-Wie bitte?
sagte eben unten, also bei ihrer Frau,
dass Sie nicht gerne verreisen.
Oder habe ich das irgendwie falsch ...
-Weil ich diese Länder nicht mag.
Mein fragender Blick kam ihm
offenbar ungelegen.
-Jetzt nur Afrika oder ...
-Ach so. Früher denn?
-Nein, nie.
Er nahm ein Blatt vom Papierstapel,
zog die Augenbraue hoch.
-Aber ist das nicht ... traurig?
Wenn man so eine Sprache lernt,
dann will man die doch auch
sprechen und die Länder...
Abscheu gegen Fremdes,
unterbrach mich seine Tochter
und ich war mir sicher,
dass auch ich damit gemeint war.
-Er lernt die Länder eben durch
Bücher kennen. Mein Vater reist quasi
im Kopf um die Welt.
Mit dem Finger auf dem Atlas,
bog seine Tochter das Gespräch ab.
aber sie wich meinem Blick aus.
Kühl starrte sie vor sich hin.
-Ist ja auch billiger,
scherzte ich linkisch,
doch die Beiden reagierten nicht.
dass er all diese Bücher um sich
herum tatsächlich gelesen hatte.
Ich stellte mir vor, wie er sich durch Länderberichte und Bildbände wälzte,
wie er Reiseberichte studierte,
in Atlanten mit dem Finger Flüße nachfuhr
und die Länder so für sich eroberte.
-Und die Figuren? Diese Schnitzereien.
Woher stammen die?
-Mitbringsel. Die haben mir Kollegen
von Reisen mitgebracht. Bekannte.
-Ah.
Quälende Sekunden.
Bis seine Tochter von irgendwelchen
Problemen mit ihrem Auto berichtete.
Worüber der Vater sehr glücklich schien,
weil ich mich da offenkundig nicht auskannte,
davon hatte sie ihm offenbar bereits erzählt.
Sie interessieren sich nicht für Autos.
Wenn ein Motor stottert,
wenn es Fehlzündungen gibt oder
er im Standgas abstirbt,
dann deutet das auf Probleme
bei der Gemischaufbereitung hin.
Das liegt also wohl am Vergaser.
-Ach so. Danke Papa!
skandinavische Sprache gelernt,
fragte ich den Richter,
der mich lange verwundert ansah.
Seine Tochter starrte zu Boden.
-Das Klima. Das raue Klima da oben.
Er nickte, um das Gesagte
zu unterstreichen.
möglichst verständnisvoll,
weil er das vermutlich
von mir erwartete.
-Wir müssen dann mal wieder los, Papa!
Ihr Vater strahlte sie an,
stützte sich auf seinen Schreibtisch und
schob einen Stapel Papier zusammen.
Kam ihr mit offenen Armen entgegen.
sie gab ihm schnell einen Kuss.
Wir reichten uns förmlich die Hand,
die er kraftlos schüttelte.
Ihr Vater begleitete uns zur Tür.
-Bleib nur.
Wir verabschieden uns nur noch
von Mama.
und ich folgte seiner Tochter
so schnell es eben noch höflich war
die Holztreppe hinunter.
-Und dein Auto sehe ich mir
nächstes Mal genauer an.
Die Tochter nickte und ging
wortlos nach unten,
wo ihre Mutter in der Küche
auf uns gewartet hatte.
mit ein paar Gläschen verkürzt.
-Mama, wir müssen los.
Mach´s gut! Wir telefonieren!
Die Mutter grinste aus ihren
glasigen Augen, gab der Tochter
rechts und links einen Kuss auf die Wangen,
schüttelte meine Hand.
-Tschö, Herr...
winkte sie noch einmal ihrem Vater zu,
der am Fenster hinter der geschlossenen
Gardine stand.
Sie fuhr so zackig aus der Ausfahrt,
als wollte sie fliehen.
Einfach nur weg.
das Straßendorf flogen an uns vorbei.
Wir schwiegen.
Wie weit war ihr Elternhaus
von unserem Leben entfernt.
Wie weit hatte sie sich
von ihren Eltern entfernt.
Aber war es wirklich weit genug,
fragte ich mich.
Nicht einmal die Musik
schaltete sie an.
Ich sah auf die triste Landschaft
und dachte an all
die Bücher,
die Masken,
die Tiffany-Lampen,
die Kinderfotos.
nach Sansibar fahren.
-He, fragte ich,
obwohl ich sie verstanden hatte.
-Ich sagte: Ich werde nicht mit
nach Sansibar fahren.
Wieso nicht, fragte ich,
weil ich ihren plötzlichen Sinneswandel nicht nachvollziehen konnte oder wollte.
Sie blickte schweigend auf die Straße.
Sie sah mich vorwurfsvoll an,
schnaufte kurz und starrte
weiter auf die Fahrbahn.
Irgendwann schaltete sie
das Radio an.
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